Es war wie es im Buche steht: In einer Kiste aus dem Nachlass der Schwiegermutter kamen alte Unterlagen zum Vorschein - in deutscher Schrift und "irgendwas aus dem kirchlichen Umfeld". Die Finderin ahnte, dass diese über 100 Jahre alten Schriftstücke nicht einfach weggeworfen werden sollten, und stellte Überlegungen an, was sie in den Händen hielt. Der Spürsinn der Pfälzerin trügte nicht und ließ sie zum Telefon greifen, um unser Badisch-landeskirchliches Archiv anzurufen. Das war genau richtig! Eine Begutachtung ergab, dass dies genuine Unterlagen aus dem Nachlass eines Theologen unserer Landeskirche sind, des Pfarrers und Kirchenrats D. Wilhelm Brückner (1832-1925).
Als Sohn des "tawastehuseschen Kaufmanns" [1] Gustav Brückner in St. Petersburg geboren, besuchte Wilhelm Brückner ab 1842 die deutsche Hauptschule zu St. Petri ebenda, studierte in Petersburg, Dorpat und Heidelberg. 1858 wurde er zunächst Hilfsprediger, 1860 Pfarrer der deutschen unierten Gemeinde Archangel, die keinem Consistorium, sondern dem Ministerium des Innern unterstand. Im Jahre 1862 durch die Reformierte Sitzung des St. Petersburgischen Evangelisch-Lutherischen Consistoriums zum Pfarrer der reformierten Kolonistengemeinde Neudorf/Südrußland berufen, wurde er 1868 in den Dienst der Badischen Landeskirche übernommen und Pastorationsgeistlicher in Oberkirch, 1870 Pfarrer Bahlingen und 1875 schließlich Stadtpfarrer der Johannispfarrei Karlsruhe bis zu seinem Ruhestand 1906. 1903 erhielt Brückner das Ritterkreuz I. Kl. vom Orden des Zähringer Löwen und wurde zum D. h.c. in Heidelberg promoviert sowie 1917 zum Kirchenrat ernannt. Wilhelm Brückner war ein "Führer des badischen kirchlichen Liberalismus" (H. Mulert, RGG², Sp. 1274).
Der "Nachlass" enthält neben privater Korrespondenz auch Schriftwechsel mit dem Heidelberger Theologen und Schriftsteller Otto Frommel (1922, 1924). Des Weiteren finden sich die Todesanzeige und Kondolenzschreiben zum Tode von Brückners Frau, Clara geb. Dreeßen (1912), sowie deren Lebenslauf und die Beerdigungspredigt im Nachlass, ebenso die Ernennungsurkunde zum Kirchenrat (1917), Verleihung des Ritterkreuzes I. Kl. (1903) und das gedruckte Programm zur 25jährigen Jubelfeier als Stadtpfarrer der Johanneskirche (1900). Einen großen Teil stellen Glückwunschschreiben zum 90. Geburtstag dar, u. a. von dem Karlsruher OBM Siegrist und der Großherzogin Luise (1922). Das Manuskript seiner Schrift 'Die große und die kleine Buchrolle in der Offenbarung Johannis' (1923), ein eigenhändiger Lebenslauf (1917) und Entwurf zum Testament (1912) sowie Zeitungsartikel (1912, 1922, 1924) und eine Bauakte für den Umbau des Wochenendhauses seiner Tochter Bertha Brückner in Mittenwald (1937) stellen weitere Unterlagen dar.
War Brückners Studienzeit in Heidelberg (1856) der Auslöser für seinen Wechsel nach Baden? Diese und andere Fragen wird eine Nachlassbearbeitung beantworten. Bis es soweit ist, ist der Nachlass über unsere
Beständeübersicht sowie die
Zentrale Nachlassdatenbank recherchierbar, in letzterer auch mit Bestandsbeschreibung.
[1] So die Berufsbezeichnung des Vaters im 'Attestat' der Schulen der Evangelischen St. Petri-Kirche Petersburg (28.01.1850) in der Personalakte [LkA KA, 2.0., Nr. 802]. Tawastehus in ein finnisches Gouvernement.